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Franciacorta

Dem Reisenden, der von den weitschweifenden Horizonten der Ebene herkommt, bietet sich hier die Sicht auf die Gegend, die von den oft mit Weinbergen bedeckten und den prunkvollen Residenzen des Brescianer Adels umgebenen Moränenhügeln gebildet wird.
Das üppige Gedeihen der Landwirtschaft hat ihre Wurzeln im geduldigen Werk der Kluniazenser, die um das Jahr 1000 in Franciacorta eintrafen und den Boden hier urbar machten. In den seit der Antike geschätzten Weinen vermengt sich der Gescmack der hiesigen Erde mit den prickelnden Geheimnissen, die der Tradition jenseits der Alpen entnommen wurden.
Neben den Dörfern erheben sich Burgen, die den arbeitsamen Bewohnern bei drohender Gefahr Unterschlupf gewährten und aus Moränensteinen aufgebaut wurden, ähnlich wie die Mauern, die derzeit die Felder begrenzen.

GESCHICHTLICHE HINWEISE

Hier wurden in den Torfgruben prähistorische Überreste gefunden, und man erfuhr, dass sich in Coccaglio zur Bronzezeit eine befestigte Siedlung befand. Unter den zahlreichen Ausgrabungen aus der Römerzeit ist auch ein Architrav mit der Inschrift "Cäsar" zum Vorschein gekommen und Ende des 15. Jh. in den Monte di Pietà (Berg der Barmherzigkeit) in Brescia eingemauert worden.
Rovato, Erbusco und Ospitaletto machen sich gegenseitig den antiken Namen "Tetellum" streitig, der in der Charta Burdigalense (4. Jh. n.Chr.) einen Umschlagsplatz bezeichnete.
Viele Orte der Franciacorta rühmen sich langobardischen Ursprungs; das fruchtbare Land wurde vielerorts von den eifrigen Benediktinern kultiviert.
1265 fasste in Rovato ein Aufstand Fuss, der mit der Vertreibung der Eindringlinge aus Anjou endete. Ein anderer Vorfall, der den Stolz der Bevölkerung bekräftigte, trug sich mit der Bewegung der Lanzichenecchi, der Landsknechte, zu: 1529 erhoben sich die Bauern von Capriolo gegen den Missbrauch von seiten der Söldner, töteten einige und warfen sie in eine Schlucht.
Die Hügel der Franciacorta, von deren Weinbergen man vorzüglichen Wein gewinnt, wurden von zahlreichen Adelsfamilien als luftiger Sommerwohnsitz auserwählt, um dort grossartige Villen zu errichten.

Die Hammerschläge im Widerhall der Gebete

Der Hammer aus dem 15. Jh. der Familie Averoldi in Ome - Zwischen den Fresken von Cerezzata entdeckt man ein Wappen der Familie Montini, welcher Paul VI. angehörte - Der Papst aus Brescia veranlasste die Olivetaner, nach Sankt Nikolaus von Rodengo zurückzukehren
Der zinnengekrönte Turm der Abtei Abbazia di San Nicola (siehe Abbildung auf der Nebenseite) erhebt sich auf dem Flachland hinter den Voralpen, wo sich wichtige Verkehrslinien kreuzen (die Provinzstrasse sp 19 und die Staatsstrasse ss 11).
Im Ortsteil CORNETO erblickt man von der Strasse aus die Villa Fenaroli, die im 18. Jh. erbaut und Ende des 19. Jh. vom Architekten Antonio Tagliaferri im Sinne des eklektischen Neubarocks jener Zeit umgebaut wurde.
In der Gegend von OME, hinter dem Berg gleich nach der Abbiegung nach Monticelli Brusati, pochte bis vor wenigen Jahrzehnten der Maglio degli Averoldi aus dem 15. Jh.; an diesem Hammer hatten über Jahrhunderte hinweg die Nachkommern dieser Familie gearbeitet. Totz des verlassenen Zustandes, kann man, wenn man sich an die Finsternis und den Russ gewöhnt hat, durch zwei kleine Fenster den grossen Hammer, die hydraulische Einrichtung zum Hochheben desselben und dort hergestellte landwirtschaftliche Geräte erspähen.
Nicht weit entfernt treffen wir auf die Hinweisschilder zur Wallfahrtskirche Madonna dell’ Avello im Ortsteil CEREZZATA. Die Apsis und der Glockenturm gehen auf das Jahr 1000 zurück. Die jetzige Kirche ist aus dem 15. Jh.; aus demselben oder aus dem folgenden Jahrhundert stammen die Votivfresken, die die Wände vollständig bedecken. Ein aufmerksamer Beobachter bemerkt dazwischen ein Adelswappen der Familie Montini, von der Papst Paul VI. abstammte; es ist gekennzeichnet von drei Harken, die sich oberhalb des Gebirges vom roten Hintergrund abheben. Besonders alt ist die bemalte Steinstatue der Muttergottes in Zügen, die die byzantinische Kunst nachahmen; die Legende will, dass sie in einem gespaltenen Stein, der neben dem Eingang der Kirche erkennbar ist, zum Vorschein kam.
Eine weitere "Galerie" von Votivfresken aus jener Periode ist die Wallfahrtskirche Madonna del Monte (oder della Rosa) in MONTICELLI BRUSATI.
Die Ausfahrt GUSSAGO der Provinzstrasse sp 19 führt zur Pieve di Santa Maria, vor dem Jahr 1000 errichtet und 1470 erneuert, wie das schöne Renaissanceportal in "Kandelaberform" zeigt. Die vieleckige Apsis der Pfarrkirche ist auf jener älteren, halbrunden angelegt. Von den Innenfresken sind einige dem Meister "Maestro di Nave" oder Paolo da Caylina dem Älteren zugeschrieben. Der Marmorambo, Teil des barbarischen Sarkophags, Pulpito di Mayorans genannt, gehe angeblich auf das 8. Jh. zurück; es handelt sich um eine von einer dünnen Kolonne zweigeteilte Tafel mit Abbildungen eines Ritters und verschiedenen christlichen Symbolen: das Lamm mit dem Kreuze, der Löwe und die Weinrebe, Pfauen und eine Darstellung des Universums (acht, Rosen und Sterne umschliessende Kreise). Die Tafel erhält ihren Namen von der Inschrift "Mavi orans".
In Gussago befinden sich ländliche Herrensitze von Adelsfamilien der Gegend um Brescia. Dies gilt ebenso für CELLATICA, wo man in der Pfarrkirche Parrocchiale di San Giorgio aus dem 16.Jh. das Gemälde Der Hl. Georg zu Pferde und der Drache (1663) bewundern kann - ein Meisterwerk, wie es der Künstler Francesco Paglia selbst bezeichnete.

EIN ARBEITSSCHEUER PRIOR

Corradino Caprioli, aus adeliger Familie, war achzehn Jahre alt, als seine Mutter für ihn das Priorat von Rodengo erwarb, indem sie dem Kardinal Romano Giordano Orsini hundert Golddukaten gab. Der Jüngling war jedoch nicht für das Priestertum geboren: er vergeudete die Einkommen des Klosters, versagte den Armen die üblichen Almosen und vernachlässigte Messen und sonstige Pflichten. Stattdessen hatte er die Kirche in eine Art Stallung verwandelt und lud Freunde und Verwandte zu Festmählern und Orgien ein. Das Volk von Rodengo erhob Einspruch in Venedig (1437), doch die hochgestellten Bekannten von Corradino verteidigten ihn gegen die "Verleumdungen". Papst Eugen IV., aus der Familie Condulmer, war jedoch auch Venezianer und bekämpfte die Zügellosigkeiten des Klerus. Am 21. Oktober 1445 enthob er Corradino seines Amtes und vertraute die Abtei den Olivetanern an.

Wiedergeburt einer alten Abtei

Die Abbazia San Nicola, die im 10. Jh. von Odo von Cluny gegründet wurde, wurde von 1446 bis zu ihrer Auflösung zur Zeit Napoleons (1797) von Olivetanermönchen geleitet. 1969 kehrten die Olivetaner auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes, der im naheliegenden Concesio gebürtig und somit unterrichtet war über den entwürdigenden Zustand der Abtei, nach Rodengo zurück. Ihre Vorstellung war es, den Gebäudekomplex, der wichtiger Kunstschätze beraubt worden war - einige davon befinden sich heute in der Gemäldegalerie Brescias (Pinacoteca di Brescia) - , zum einstigen Prunk zu verhelfen.
Die derzeitige Gebäudestruktur verdankt man grossteils den Erweiterungen der Olivetaner in der zweiten Hälfte des 15. Jh. Im Laufe der Jahrhunderte wurden wahrscheinlich die verschiedenen Kreuzgänge vervollständigt: der westliche ist der älteste, der südliche mit Verzierungen aus emaillierten Backsteinen stammt aus dem 15. Jh.; der sogenannte Kreuzweg der Zisterne grenzt an die Kirche und wurde 1560-70 erneürt (aufgrund der Erweiterung der oberen Stockwerke).
1496 trat Bruder Raffaele von Brescia, mit bürgerlichen Namen Roberto aus Marone und spezialisiert auf Einlegearbeiten, Ausführer des vom Romanino entworfenen Lesepults, der heute in der Gemäldegalerie von Brescia aufbewahrt wird, ins Kloster ein; ihm verdanken wir auch die Tür der Sakristei (deren Gewölbe mit Fresken aus dem 17. Jh. von Gian Giacomo Barbelli bedeckt ist). Die Intarsien des Chores sind jedoch con Cristoforo Rocchi (1480). In der Kirche befindet sich ebenfalls ein Altarbild des Moretto, das die Heiligen Petrus und Paulus darstellt.
Den Mittelpunkt der Klosterbesichtigung bildet das Refektorium, an dessen Ende sich eine Kreuzigung aus der Schule des Foppa befindet. Die perspektivischen Darstellungen Tommaso Sandrinis fanden im grossen Gewölbe eine geeignete Ausdrucksfläche. Die Fresken im Vorzimmer von Lattanzio Gambara (16. Jh.) zeigen eine Apokalyptische Szene an der Decke und weitere dreiundzwanzig Biblische Szenen an den Wänden. Gambara war der Schwiegersohn des grossen Maler Romanino, dessen Fresken 1864 von einem der Klostersäle abgenommen wurden und sich heute in der Gemäldegalerie in Brescia befinden.
Die Abtei ist täglich von 9 bis 12 und von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Auskünfte unter der Telefonnummer: 030/ 610182.


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